Ich kann es (nicht) verstehen

Alles wird vom LEBEN organisiert

29. Oktober – 2025    

Verfasser: René Egli mit Françoise Egli

Kürzlich geschah etwas, das mir sehr zu denken gegeben hat. Nach vielen Jahren traf ich einen guten Bekannten wieder – rein „zufällig“. Wir freuten uns sehr, uns nach so vielen Jahren wieder zu sehen. Wir suchten ein Café auf und unterhielten uns intensiv während ungefähr einer Stunde. Mein Bekannter freute sich dermassen über unser Wiedersehen, dass er die Rechnung für unsere Konsumation übernahm. Beim Verabschieden beschlossen wir, dass er mir per Mail Informationen zu einem Produkt sendet, über das wir gesprochen hatten. Gleichzeitig hätte ich dann auch seine Mailadresse, die mir bisher gefehlt hat. Mein Bekannter hatte bestätigt, dass er meine Mailadresse hat. So weit, so klar.

Ich ging davon aus, dass er mir am nächsten oder übernächsten Tag wie besprochen die Informationen senden würde. Zwei Tage vergingen: Keine Informationen von meinem Bekannten. Eine Woche verging: Keine Informationen von meinem Bekannten. Nanu, was ist da los? Ist er krank? Hatte er einen Unfall? Ist er gestorben? Man macht sich ja dann so seine Gedanken. Nach einem Monat: Noch immer nichts von meinem Bekannten. Somit fehlt mir auch seine Mailadresse, um ihn zu kontaktieren.

Weshalb meldet er sich nicht? Das ist etwas, das ich nicht verstehen kann. Weshalb? Erstens: Wenn ich jemandem etwas verspreche, dann halte ich mich daran. Mein Wort ist für mich heilig. Deshalb kann ich nicht verstehen, wenn ein anderer Mensch sein Wort nicht hält. Unser ganzes Wirtschaftsleben beruht darauf, dass ich dem anderen vertrauen kann. Wenn ein Handwerker bei mir etwas repariert, dann vertraut er darauf, dass ich ihn am Ende bezahle. Wenn wir jemandem ein Buch senden, dann vertrauen wir darauf, dass dieser Mensch das Buch auch bezahlt. Und zweitens: Falls ich das Produkt, um das es ging, gekauft hätte, dann hätte mein Bekannter etwas daran verdient. Und trotzdem hat er mir nichts geschickt! Ich kann es einfach nicht verstehen.

Es sei denn …

Es sei denn was?

Es sei denn, ich erinnere mich daran, was wir seit rund 30 Jahren erzählen. Erstens: Es ist kein Zufall, dass mir dieses oder jenes geschieht. Zweitens: Es geht darum, in allem das LEBEN zu sehen. Das bedeutet: Es ist nicht mein Bekannter XY, der sich nicht gemeldet hat, es ist das LEBEN. Oberflächlich betrachtet ist mein Bekannter der Herr XY, aber in Wirklichkeit ist er das LEBEN. Es ist IMMER das LEBEN. Und wenn ich die Situation auf diese Weise betrachte, dann kann ich es „verstehen“.

(Grundsätzlich kann man das grenzenlose LEBEN mit dem begrenzten Kopf natürlich nicht verstehen. Aber ich kann verstehen, dass mein Bekannter XY nicht anders kann, WEIL nicht er entscheidet, sondern das LEBEN. Wie sagt meine Frau immer: Der Motor von allem ist das LEBEN.)

Offenbar brauche ich das besprochene Produkt nicht. Wenn ich es brauchen würde, dann hätte mein Bekannter (das LEBEN!) sich bestimmt gemeldet.

Und ausserdem: Wir haben immer Erwartungen. Wir treffen jemanden und erwarten, dass sich daraus dieses oder jenes ergibt. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Wir haben uns getroffen. Wir haben uns gefreut. Punkt!

Auch die Tatsache, dass wir uns nach so vielen Jahren wieder getroffen haben, wurde vom LEBEN organisiert. ALLES wird vom LEBEN organisiert. Wahrscheinlich ist uns das meistens nicht bewusst. Auch ich brauchte ein paar Tage, bis ich gemerkt hatte, dass es nicht mein Bekannter XY ist, der sich nicht meldet, sondern das LEBEN. Mein Bekannter kann nichts dafür.

Es ist alles in bester Ordnung.

Bis zum nächsten Mal. René und Françoise Egli.